MEINE FASTENGESCHICHTE. Drucken
7. März 2011 (Rosenmontag)

Herzlich Willkommen,

der Frühling kommt und mit ihm unweigerlich die Frühlingsgefühle. Diese wiederum sind bei mir eng verbunden mit „sich hübsch machen“, den Wintermantel, der alles gnädig verhüllt, einmotten und meinen Körper der Sonne zeigen. Aber ich muss mich gut dabei fühlen. Was mich aber jedes Jahr aufs Neue stört, sind die kleinen Winterspeckröllchen, die sich angeschlichen haben. Sie müssen weg, da sie meinem schönen Frühlungsgefühl im Weg stehen. Um dieses kleine Problem zu lösen, habe ich mich wieder fürs Fastenwandern entschieden. Doch diesmal nicht im Schwarzwald, sondern in Thüringen. Nicht weit weg von hier.
Doch bevor ich darüber berichte, möchte ich Euch meine Fastengeschichte von vor zwei Jahren erzählen.
Ich bin selbst gespannt, wie ich es in diesem Jahr erleben werden.

An einem kühlen und trüben  Märztag 2009 machte ich mich auf einen langen Weg in Richtung Süden. Wie beschwerlich er werden sollte aber auch wie hilfreich, ahnte ich nicht. Ich setzte mich in mein Auto, das meinen Namen trägt, weil wir so wunderbar zusammen passen und los ging das Abenteuer.
Die Fahrt verlief ohne Zwischenfall, war vergnüglich für mich und ich hatte ein weiteres Mal die Bestätigung, dass ich eine gute und sichere Autofahrerin bin. Das war keinesfalls immer so.  Viel Zeit sollte nach meiner Fahrprüfung vergehen, bis ich ernsthaft anfing Auto zu fahren und ein eigenes besaß. Ich war der Meinung, dass Autofahren nichts für mich sei und ich zu große Angst davor habe, dass gerade an jenem Tag, an dem ich fahre, etwas Schreckliches passieren könnte. So spielte ich mir lange Zeit selbst Streiche und versagte mir das Vergnügen eigener Selbstbestätigung.
Diese Zeit ist lange vorbei. Inzwischen fahre ich mit meinem Auto überall hin und genieße es. Es gibt mir viel Selbstsicherheit. Das Geheimnis liegt nur im Üben und im Beistand einer wohlwollenden Person. So einfach ist es! Für mich wohlgemerkt ein langer Prozess. Doch ich habe mich dieser Herausforderung des „Überallhinfahrens“, auch der Langstreckenfahrten gestellt, habe sie gemeistert und genieße es heute, unaufgeregt und sicher unterwegs zu sein. Viele Frauen (die meisten) die ich kenne, bewundern mich dafür, da sie sich, wenn überhaupt mit dem Auto, dann nur in einem engen Umkreis um ihr zu Hause bewegen.
Mein Ziel, der Fastenort Glatt im Schwarzwald, war erreicht und mein Abenteuer konnte weitergehen. Am Nachmittag trafen sich alle FastenteilnehmerInnen, es waren 17 Frauen und 4 Männer,  um sich zunächst kennen zulernen  und ihre Erwartungen an das Fasten zu formulieren.  Es gab Freundliche, Erfahrene und Wichtigtuer.
Meine oberste Erwartung bestand darin, in einer Woche 3 Kilo abzunehmen, um figurtechnisch unbeschwert in den Frühling zu gehen und mit Vergnügen meine neuen Kleidungsstücke tragen zu können, sobald sich die erste Frühlingssonne zeigte und der Wintermantel eingemottet werden konnte.
Der erste Abend endete mit der Einnahme eines aggressiven Mixgetränkes, dessen Wirkung sich erst in der darauf folgenden Nacht zeigen sollte.
Mein Zimmer in der Pension `Talblick` war sauber, geräumig und vor allem warm, was ich in diesen kühlen Märztagen sehr zu schätzen wusste.  Das Bett war von mäßiger Bequemlichkeit. Die erste Nacht endete mit der quälenden Vermutung, dass das Ende, so es denn irgendwann einmal kommt, so beginnen müsse, wie in dieser Nacht. Es ging mir plötzlich sehr schlecht. Ich dachte mein Darm und mein Magen explodieren zur gleichen Zeit. Ich hätte liegen oder sitzen wollen, egal es hat nichts Linderung gebracht. Es war ein bischen so, wie sterben und ich fragte mich zum ersten mal, Carola warum tust du dir das an? Am nächsten Morgen hatte ich fast nicht geschlafen und weiche Knie. Ein lähmendes Gefühl des Übelseins machte meine Knochen träge.
Wir gingen  zur Pension „Himmelreich“. Hier wohnten alle anderen Teilnehmer außer Kathrin und ich. Wir trafen uns zum morgendlichen Teetrinken, zum Besprechen des persönlichen Wohlbefindens und um das moralische Rüstzeug für die anschließende 4 stündige Wanderung zu bekommen. Die Berichte, wonach sich fast alle in einem ähnlich beklagenswerten Zustand, wie ich selber befanden, konnten mir nicht wirklich Trost sein.
Ich hatte mich gemeinsam mit meiner Freundin Kathrin für die Fastenwanderung entschieden und ihren beschwörenden Argumenten, dass es einem die ersten 4 Tage schlecht geht, man dann aber am Ende der Woche wie Phönix aus der Asche steigt, Glauben geschenkt.
Nach unserer morgendlichen Vorbereitungszeit machten sich alle 21 Teilnehmer, zünftig gestiefelt auf den ersten Wanderweg. Alle glichen zu Beginn der Wanderung eher dem Ritter  von der traurigen Gestalt, den einem lustigen Wandersmann.
Mein Innenleben hatte sich nach dem morgendlichen Teetrinken und dem guten Zuspruch durch Aloisia wieder etwas beruhigt, fühlte sich aber bedrohlich leer an. Wie ich das noch weitere 7 Tage aushalten sollte, wusste ich nicht.
Zunächst beruhigte uns Aloisias Ansage, dass es sich am ersten Tag um eine nicht so ausgedehnte und mit schwierigen Anstiegen bestückte Wanderung handeln wird. Am Ende diesen Tages, wie an allen anderen auch, wussten wir es besser und relativierten von vornherein Aloisias Versprechen. Die Wanderungen waren allesamt eine Herausforderung ganz besonderer Art und ich bin jeden Tag an meine Grenzen gestoßen und habe mich jeden Tag erneut überwunden, gerade in dem Moment weiterzumachen, wenn ich dachte, es geht gar nicht mehr.
Für diese Erfahrung bin ich Aloisia sehr dankbar!
Ich habe mir für die Wanderungen meine eigene Strategie entworfen, um mein tägliches Ziel zu erreichen.
Kathrin, meine fastenwandernerfahrene Freundin sagte mir, dass man bei diesen langen Wanderungen dazu animiert wird, ob man will oder nicht, mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch zu kommen und man im Laufe der Zeit sehr viel von sich preisgibt und sehr viel über andere erfährt. Da ich eher ein introvertierter Mensch bin, bestand ein wichtiger Teil meiner Strategie darin, die Wanderungen für mich zu nutzen, ein Gespräch mit mir selbst zu führen und die Natur und meinen jeweiligen Zustand intensiv zu genießen. Ich hatte nur sehr bedingt bis wenig Interesse, die Lebensgeschichten der anderen kennen zu lernen. Schnell habe ich rausgefunden, dass ich mich auf den langen und zum Teil schwierigen Wanderungen am besten motivieren konnte, wenn ich ganz vorne als erste oder zweite in der Wandergruppe laufe. So hatte ich nie das lähmende Gefühl des Hinterherlaufens. Ich war den anderen immer einige Schritte voraus.

Aber ich merkte wohl auch, zu unseren morgendlichen Besprechungen und  zu den Wanderungen entspann sich unter den meisten TeilnehmerInnen ein seltsam innigliches Verständnis für die skurrilsten Situationen des Anderen. Alles, ansonsten suspekt Anstößige, war verloren gegangen und wurde erzählt. Mir waren diese Gespräche zum Teil sehr befremdlich.
Am 2. und 3. Tag stellte sich die Situation für mich nicht anders da, als bereits beschrieben.  Was mich aber selber wunderte, dass sich trotz des Nichtessens kein Hungergefühl bei mir zeigte. Am 4. Tag hatte sich mein Körper an die neue Situation gewöhnt und es ging ihm besser. Meine Seele konnte sich diesem Zustand anschließen, da mein Bauch inzwischen wunderbar flach war, meine Hose sehr locker auf den Hüften saß und ich offensichtlich auf dem Weg war, mein Ziel zu erreichen. Ein perverser Lustgewinn.
Für mein seelisches Wohlsein hat unsere Fastenleiterin Aloisia täglich sehr viel beigetragen. Ihr liebe- und verständnisvolles Wesen, Ihre Meditations- und Yogaübungen und die interessanten Vorträge,  aber auch Ihre konsequente Intoleranz, wenn es ums Wandern ging, haben sehr zu meinem wieder erstarkten Wohlbefinden beigetragen. Sie war mir immer eine warmherzige und sehr wissende Gesprächspartnerin, in deren Nähe ich stets eine wohltuende, sich annähernde Distanz empfunden habe.
Ab dem 5. Tag und bis zur Heimreise verbesserte sich mein Zustand und meine Stimmung im gleichen Verhältnis, wie meine Pfunde dahinschwanden.
Ich bin im wahrsten Wortsinn erleichtert nach Hause gefahren und zwar um 3,5 Kg. Aber um viele Erfahrungen und Überlegungen bereichert.
Ich habe mir täglich vorgestellt, wie es ist, wenn man wie Phönix aus der Asche steigt. Es musste etwas ganz Großes, Erhabenes sein.
Dieses Gefühl kann ich auch heute leider nicht beschreiben, da es mir nie begegnet ist.  Aber ich habe die Gewissheit, mir in meinem Leben selbst einen Haltepunkt, besser einen Höhepunkt, gegönnt zu haben. Habe meine Grenzen erfahren  und den Wunsch aufzugeben, überwunden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nicht immer vor einem reich gedeckten Tisch sitzen muss, es aber trotzdem Vergnügen bereitet, einen Saft genussvoll zu löffeln und dabei Glück zu empfinden. Ich hatte viel Zeit nachzudenken, auch darüber, was ich in Zukunft bei mir ändern möchte. Bin ich doch bisher zu oft davon ausgegangen, die anderen müssten sich ändern. Diesen fatalen Denkfehler zu erkennen und zu ändern macht mich glücklich. Ich werde einiges in meinem Leben neu justieren und hoffe sehr, dass ich für die neuen Herausforderungen mehr fröhliche Gelassenheit entwickeln kann.
Ich habe genauer in mich reingehört, habe gespürt, wie sich mein Leben anfühlt, habe meine Grenzen gespürt, meine Leidensfähigkeit getestet und bin über mich selbst hinausgewachsen.
Dieser Zustand wird nicht ewig anhalten, da nichts für die Ewigkeit ist. Und ich werde wieder Fasten, durch ein körperliches und seelisches Tal gehen und werde es auch dann wieder gestärkt verlassen.
Noch etwas. Es gibt sehr viele Meinungen pro und contra zum Fasten. Ich kann mir jetzt meine eigene Meinung bilden, da ich es erlebt habe und brauche mich nicht mehr einer anderen Meinung anzuschließen. Wie in so vielen anderen Dingen des Lebens auch!

Ich grüße Aloisia mit dieser kleinen persönlichen Nachlese ganz herzlich

Carola aus Thüringen